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Leseprobe zu "Babels Berg

Willkommen und Abschied

Die sechziger Jahre sind vorüber, Gustav Horbel hat das Abitur gemacht und ist zum Physikstudium nach Berlin gezogen. Zwischen Studium, strengem Reglement der Studentenheime und Rausch der Popkultur sucht sich die Jugend auch im Osten eigene Wege jenseits der Autoritäten von Elternhaus und Staat. Dabei kommt es zu Abstürzen ...

Leseprobe
Es war ein großes Jahr für die Menschheit. Armstrong aus Wapakoneta, Ohio, Aldrin aus Montclair, New Jersey waren im Juli auf dem Mond gelandet, Horbel aus Lauterberg, Thüringen im September in Berlin-Biesdorf, Oberfeldstraße 111, im Studentenwohnheim. Diese Landung begab sich in einem großen Jahr für die DDR auch, sie fiel mitten in die Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der „Arbeiter- und Bauernmacht“. Unter Führung der Partei der Arbeiterklasse war monumental gebaut worden, am Alexanderplatz erstrahlte über allem golden im Sonnenlicht das Kreuz von „Sankt Walter“.

Die Kathedrale war eigentlich ein Fernsehturm mit einer Aluminiumkugel unterhalb der Spitze, aber wegen des kreuzförmigen Reflexes auf der Kugel, den der Architekt beim Entwurf und Bau nicht vorhergesehen hatte, wurde aus dem Potenzsymbol des „1. Sekretärs des Zentralkomitees der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR“ irgendwie doch der Zeigefinger Gottes. Ironie im doppelten Sinn: Der mächtigste Mann im Staat trug ebenso viele Titel mit sich herum wie ein Fürstbischof, die Dogmen seiner atheistischen Partei begannen jenes Maß ritueller Patina anzusetzen, das jeden Reformator am Katholizismus verzweifeln lässt.

Was Gustav Horbel unwiderstehlich hinzog zur Hauptstadt, waren indessen die Geräusche und Gerüche der Schnellbahnen, das Tempo der Menschenmassen, die Weite der Straßen, die mit Abenteuern ohne Zahl und Grenze lockenden Nächte, Opernhäuser, Theater und Bibliotheken, Kneipen und Bars, Parks und Seeufer – oder um es kurz zu machen: Frauen, überall Frauen ...

... Wohin fliehen? Im Erdgeschoss waren sie inzwischen sicherlich auch wach, also weiter in den Keller. Gustav jagte den dunklen Gang entlang zur Kreuzung in die Seitenflügel. Wenn er es schaffte, aus einer der Mädchentoiletten im Erdgeschoss den Innenhof zu erreichen, konnte er sich vielleicht retten. Er wusste, dass im Studenten-WC immer ein Fenster offen war, wusste, wie man vom Hof hinaufklettern konnte. Jetzt hastete er durch die Schwingtür des Parterres im Mädchenflügel, weiter zur Toilette. Die letzten Meter absolvierte er im Tiefflug, die Hände nach der Klinke ausgestreckt. Da öffnete sich die Tür – nach außen.

Gustavs Nase knallte auf die Kante. Es wurde dunkel, farbige Funken flogen. Die Mitte seines Gesichtes wurde taub, dann heiß, eine Gurke begann darin zu wachsen. Gustav saß auf den Fliesen, sah rote Tropfen niederplatschen. Ein Gesicht mit einer Narbe über der rechten Augenbraue beugte sich zu ihm herunter.

„O Gott, das wollte ich nicht.“

Gustavs Augen tränten, die ihn ansahen auch.

„Ich wollte nur nicht erwischt werden.“

Es war eine Russischlehrerin.

„Ich brauche kaltes Wasser“, brachte Gustav heraus, während er sich aufrappelte.

„Komm rein, ich hab hier noch ein Handtuch, damit machen wir eine Kompresse.“

Gustav stöhnte. In der Gurke begann ein Zwerg mit einem Gummihammer zu arbeiten. Er war dankbar für das kalte Wasser im Waschraum, für das Handtuch, mit dem ihm die Russischlehrerin das Blut abtupfte, er leistete keinerlei Widerstand als sie ihn – „leise, leise, ich bin zwar heute nacht allein, aber nebenan kriegen sie alles mit“ – in ihr Zimmer schleuste, ihn aufs Bett lud, mit dem nassen Tuch den Zwerg beruhigte.

„Meine Güte, was für eine idiotische Story“, sagte Gustav Horbel, „jetzt können sie uns beide rausschmeißen, weil ich morgens um drei in einem Mädchenzimmer herumliege und blute.“

Die Studentin mit der Narbe über der rechten Augenbraue kicherte.

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